Organisationsbionik - mit Sinn
Exkurs: Zur individuellen Gesundheit geführt werden:
Das Gesundheitsleitsystem
Maximilian Moser / Georg Lexer / Bernd Ahrendt
Zusammenfassung
Das in diesem Kapitel vorgeschlagene Gesundheitsleitsystem basiert auf der Messung der Herzratenvariabilität, einem Indikator für die Schwingungsfähigkeit des menschlichen Organismus wie auch für das Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung im autonomen Nervensystem, und kann um weitere Gesundheitsindikatoren erweitert werden. Eine hohe Herzratenvariabilität zeigt eine gute Anpassungsfähigkeit des Körpers an äußere Anforderungen und innere Rhythmen. Der Sympathikus sorgt für Aktivierung, während der Vagusnerv Erholung fördert. Eine ausgeglichene Herzratenvariabilität moduliert das Immunsystem entzündungshemmend und reduziert Stress. Präzise Messungen der Herzratenvariabilität mit Geräten wie dem ChronoCord liefern wichtige Einblicke in die Herzgesundheit und die Vitalität des gesamten Organismus. Durch die Kombination der Messungen mit einem Tagebuch können Stressfaktoren erkannt und der Alltag gesundheitsförderlich gestaltet werden.
Ausgangsüberlegung
Wie bereits in ▶ Kap. 1 beschrieben, betrachtet das Frankl’sche Menschenbild den Menschen als geistige Person mit einem Psychophysikum. Sein Wirken in der Mitwelt ist untrennbar an Körper und Psyche gebunden, weshalb einem gesüntlichen Lebensstil eine zentrale Bedeutung zukommt (vgl. ▶ Abschn. 2.4). Damit das harmonische Zusammenspiel von Geist, Körper und Psyche langfristig gelingt, sollte jeder Mensch die eigene Gesundheit aktiv pflegen und hierzu die Möglichkeit haben, wesentliche Gesundheitsindikatoren regelmäßig und ohne invasive Eingriffe (etwa durch Blutabnahme) zu erfassen. Entsprechend bedarf es – statt lediglich einer Krankheitsdiagnostik – mehr denn je einer präzisen Gesundheitsdiagnostik, die Abweichungen vom optimalen Gesundheitszustand frühzeitig erkennt und gezielte Gegenmaßnahmen ermöglicht – idealerweise lange bevor sich Krankheitssymptome manifestieren. Die Autoren fordern daher ein umfassendes „Gesundheitsleitsystem“ welches die Gesundheit gezielt fördern soll und im Folgenden skizziert wird (vgl. insbesondere Moser 2025, S. 29–84; Moser 2020, S. 13–25; Lexer et al. o.J., S. 8-13).
Das Gesundheitsleitsystem basiert auf der Erkenntnis, dass eine ausgewogene Regulation zwischen Sympathikus und Parasympathikus resp. Vagusnerv entscheidend für langfristige Gesundheit ist. Während der Sympathikus für Leistungssteigerung und Aktivierung des Körpers verantwortlich ist, übernimmt der Vagus als „Heilnerv“ die Funktionen der Entspannung, Erholung und Entzündungsmodulation. Je harmonischer das Wechselspiel zwischen Sympathikus und Vagus ist, desto besser geht es dem Menschen. Dieses Gleichgewicht lässt sich anhand der Herzratenvariabilität dynamisch charakterisieren.
Aufbau des Gesundheitsleitsystems
Ein gesundes Herz folgt keinem starren Takt, sondern reagiert flexibel auf Veränderungen (vgl. Moser et al. 1995). Es beschleunigt seinen Schlag beim Einatmen und verlangsamt ihn beim Ausatmen – gesteuert durch einen Kern im Stammhirn, der die Aktivität des Vagusnervs reguliert (vgl. Strauss-Blasche 2000). Dabei variiert das Herz seinen Schlag auch im Rhythmus anderer Körpersysteme: In Phasen der Entspannung passt es sich der Atmung an, während es bei Konzentration und Bewusstseinstätigkeiten der Blutdruckrhythmik und bei emotionalen Erlebnissen dem Durchblutungsrhythmus der Hautgefäße folgt (vgl. Moser et al. 2006). Diese feinen Schwingungen des Herzschlags können durch die genaue Messung der Abstände zwischen den Herzschlägen beobachtet werden, was auch Einblicke in die Aktivität des vegetativen Nervensystems gibt. Dieses autonome Steuerungssystem reguliert nicht nur die Organfunktionen, sondern auch alle anderen Vorgänge im Körper, sowohl in gesunden als auch in krankheitsbedingten Phasen.
Der Vagusnerv spielt eine zentrale Rolle bei der Synchronisation der Rhythmen verschiedener Körpersysteme, insbesondere während der Nacht. Während des Tages variiert der Puls-Atem-Quotient, sodass die Dauer eines Atemzugs zwei bis zehn Herzschläge umfasst. In der Nacht stabilisiert sich dieses Verhältnis jedoch auf nahezu exakt vier Herzschläge pro Atemzug, wobei es bei trainierten Sportlern auch auf drei Herzschläge sinken kann, während weniger fitte Menschen eher fünf Herzschläge pro Atemzug zeigen. Diese präzise Abstimmung ist entscheidend für das harmonische Zusammenspiel der Organe. Während die Atmung das Herz bei der Bewegung des Blutes unterstützt, sorgt das Herz dafür, dass genau zum richtigen Zeitpunkt sauerstoffreiches Blut bereitgestellt wird, damit die Lunge es optimal aufnehmen und an den Körper weiterleiten kann. Diese perfekte Abstimmung erinnert an eine meisterhaft orchestrierte Choreografie, bei der der Vagusnerv als Dirigent fungiert und eine reibungslose Koordination in anderen Organsystemen sicherstellt.
Für eine präzise Analyse des Herzrhythmus wird ein hochsensibles Messgerät, das ChronoCord, eingesetzt (vgl. ◉ Abb. 3.1). Dieses Gerät misst das elektrische Feld des Herzens 8.000-mal pro Sekunde und erfasst dabei die „R-Zacke“, jenen Moment, in dem die Kontraktion des Herzens beginnt. Die R-Zacken liegen enger beieinander, wenn das Herz schnell schlägt, und weiter auseinander, wenn es langsamer schlägt. Diese Messungen ergeben eine detaillierte Zeitreihe, die über den Tag hinweg rund 100.000 Intervalle umfasst und auf diese Weise Aufschluss darüber gibt, wie anpassungsfähig das Herz ist – ein Schlüsselindikator für Vitalität und Gesundheit.
Die Messung der Herzratenvariabilität wird durch ein Tagebuch ergänzt, in welchem die Tätigkeiten während der Messperiode festgehalten werden. Im ChronoCardiogramm werden physiologische Daten und Tagebuch gemeinsam dargestellt, sodass eine Einschätzung der physiologischen Belastung durch unterschiedliche Tätigkeiten sofort sichtbar gemacht werden kann. Dieser Abgleich ermöglicht es, Stressfaktoren zu identifizieren und Entspannungsphasen zu erkennen. So kann gezielt herausgefunden werden, welche Tätigkeiten den Körper belasten und welche ihm guttun. Diese detaillierte Analyse ermöglicht es, den Alltag besser an die eigene physiologische Belastbarkeit anzupassen und langfristig und gezielt die Gesundheit zu fördern.
Praxisbeispiele
Die bisherigen Überlegungen sollen an zwei vergleichenden Beispielen verdeutlicht werden. Sie zeigen eindrücklich, wie unterschiedlich der menschliche Organismus auf Belastung reagiert und welche Rolle Regeneration für die Aufrechterhaltung der Gesundheit spielt.
Die folgenden beiden Darstellungen (◉ Abb. 3.2 und ◉ Abb. 3.3) zeigen zwei exemplarische Auswertungen von Personen, die jeweils 24 Stunden lang mit dem Messsystem „ChronoCord“ begleitet wurden. Dabei wurde ihre Herzaktivität kontinuierlich erfasst und in Beziehung zu den Tätigkeiten gesetzt, die sie während dieses Zeitraums ausgeübt haben. Die oberste Ebene zeigt ein farbcodiertes Frequenzspektrum, das die Intensität der Herzratenvariabilität über den Tag verteilt visualisiert. Je kräftiger und vielfältiger die Farben, desto aktiver und gesünder die Regulationsfähigkeit des autonomen Nervensystems. Darunter folgen mehrere Kurven, die verschiedene Herzratenvariabilitätskennzahlen wie die Gesamtleistung, den sympathischen und parasympathischen Anteil (LF/HF), die Herzrate und den Puls-Atem-Quotienten darstellen. Die unterste Ebene zeigt ein Protokoll der jeweiligen Tätigkeiten – etwa Arbeit, Schlaf, Freizeit oder Besprechungen – und ermöglicht so eine inhaltliche Kontextualisierung der physiologischen Reaktionen. Das Ziel ist es, sichtbar zu machen, wie gut der Körper zwischen Belastung und Erholung wechseln kann – also wie flexibel er auf die Anforderungen des Alltags reagiert. Ein gesunder Mensch sollte in der Lage sein, sich tagsüber zu aktivieren und leistungsfähig zu sein, aber ebenso Phasen der Entspannung und Regeneration zuzulassen, vor allem nachts. Die beiden Beispiele zeigen sehr unterschiedliche Muster und verdeutlichen, wie bedeutsam eine ausgewogene Regulation für die langfristige Gesundheit ist.
Beginnen wir mit der Auswertung einer 37-jährigen Ärztin, die an diesem Tag beruflich wie privat stark eingebunden war. Bereits der erste Blick auf das farbige Frequenzspektrum – die oberste Ebene der Darstellung – vermittelt einen Eindruck von Lebendigkeit und Vielfalt: Es zeigen sich über den Tagesverlauf hinweg farbige Zonen mit wechselnder Intensität, die auf eine aktive und anpassungsfähige Herzratenvariabilität hindeuten. In einfacheren Worten: Ihr Körper scheint gut darin zu sein, sich auf wechselnde Anforderungen einzustellen – mal in Anspannung zu gehen, mal zur Ruhe zu kommen. Auch die darunterliegenden Kurven, die verschiedene physiologische Messwerte darstellen, bewegen sich auf einem insgesamt mittleren bis hohen Niveau. Besonders abends und in der Nacht nehmen diese Werte deutlich zu – ein Zeichen dafür, dass sich der Körper gut entspannt und schwingungsfähig wird.
Im sogenannten Tätigkeitsprotokoll – der untersten Zeile der Darstellung – ist nachvollziehbar, was die Ärztin in diesen 24 Stunden getan hat: Neben einer Vielzahl beruflicher Verpflichtungen wie Besprechungen und Patientenbetreuung finden sich auch häusliche Aufgaben, Kinderbetreuung, Mahlzeiten und schließlich ein klar abgegrenzter Schlafbereich, der sich über gut sieben Stunden erstreckt. Dieser Schlaf ist nicht nur ausreichend lang, sondern auch physiologisch erkennbar erholsam: Die Herzrate sinkt, der Atemrhythmus wird regelmäßig, und das Verhältnis zwischen Herzschlägen und Atemzügen stabilisiert sich – all das sind Zeichen für eine nächtliche Regeneration, wie sie der Körper dringend braucht. Aufgrund der Tiefschlafphasen kann auch von einer glymphatischen Gehirnreinigung ausgegangen werden. Trotz ihrer vielen Aufgaben scheint es dieser Frau zu gelingen, immer wieder kleine Ruheinseln zu finden – etwa beim Essen oder in der Familie – und sich nachts wirklich zu erholen. Ihr vegetatives Nervensystem zeigt die gewünschte Flexibilität und Lebendigkeit: Es kann sich aktivieren, wenn Leistung gefragt ist, und in den Ruhemodus gehen, wenn Ruhe möglich ist. Damit erfüllt sie das zentrale Kriterium eines gesunden Rhythmus.
Ganz anders sieht es beim zweiten Beispiel aus – der Auswertung eines 39-jährigen Managers in der Baubranche, der sich zum Zeitpunkt der Messung nach eigener Aussage „nahe am Burn-out“ fühlte. Diese Einschätzung lässt sich in der physiologischen Darstellung in erschreckender Deutlichkeit nachvollziehen. Das Frequenzspektrum in der oberen Grafik bleibt fast über den gesamten Zeitraum hinweg blass und wenig differenziert – ein Hinweis darauf, dass das vegetative Nervensystem kaum noch reagiert. Nur ein einzelner Ausschlag am Abend sticht hervor, möglicherweise durch eine besonders intensive Besprechung oder körperliche Aktivität verursacht. Die weiteren Kurven verlaufen weitgehend flach und auf niedrigem Niveau. Der Körper wirkt wie in einem Zustand chronischer Anspannung – ohne die Kraft, sich davon zu erholen. Vor allem fehlt es an erkennbaren Erholungsphasen.
Ein besonders kritischer Punkt ist der Schlaf: Während der gesamten 24 Stunden sind gute sechs Stunden als Schlafzeit erkennbar – etwa zwischen 23:30 Uhr und 6:00 Uhr. Auch in dieser Phase kommt es nicht zu einer deutlichen Regeneration. Die Herzfrequenz bleibt erhöht, die Atemfrequenz ist unruhig, der Körper scheint nicht in der Lage zu sein, wirklich abzuschalten. Im Tätigkeitsprotokoll dominiert geistige Arbeit – Besprechungen, Organisation, Verantwortung –, doch es fehlen strukturierte Pausen oder Momente der bewussten Entspannung. Selbst Mahlzeiten oder kurze Unterbrechungen scheinen keine physiologische Erleichterung zu bringen. Dieses Muster zeigt ein dauerhaft angespanntes System, das sich im Dauerbetrieb befindet – wie ein Motor, der rund um die Uhr läuft, ohne jemals herunterzukühlen. Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist massiv eingeschränkt, das Risiko für ernsthafte gesundheitliche Folgen hoch.
Der Vergleich dieser beiden Profile ist aufschlussreich – nicht nur aus medizinischer, sondern auch aus lebenspraktischer Perspektive. Beide Personen sind stark beansprucht. Beide tragen berufliche Verantwortung, beide bewegen sich in komplexen Alltagsstrukturen. Doch während die Ärztin Wege gefunden hat, zwischendurch Kraft zu schöpfen und ihren Körper in den Ruhemodus zu bringen, fehlt dem Manager diese Möglichkeit fast vollständig. Sein vegetatives Nervensystem befindet sich in einem starren Alarmzustand, ohne Spielraum zur Regeneration. Die Ärztin hingegen hat einen gesunden Rhythmus zwischen Anspannung und Entspannung – und damit eine gute Basis, um langfristig leistungsfähig und gesund zu bleiben.
Diese beiden Beispiele zeigen sehr eindrücklich, was das Ziel eines Gesundheitsleitsystems ist: Es geht nicht darum, Belastung zu vermeiden, sondern darum, die Fähigkeit des Körpers zu stärken, mit Belastung gut umzugehen und schwingungsfähig zu werden. Ein Mensch muss nicht „weniger tun“, um gesund zu bleiben – sondern lernen, sich inmitten von Aktivität immer wieder echte Ruhepausen zu erlauben. Dazu muss in diesen Phasen der Vagusnerv aktiv sein. Genau hier kann die kontinuierliche Messung der Herzratenvariabilität helfen: Sie macht sichtbar, was wir selbst oft nicht mehr spüren – ob unser Körper sich noch regulieren kann oder ob er bereits auf Reserve läuft. Wer solche Zusammenhänge erkennt, kann gezielt gegensteuern – und so seine Gesundheit langfristig erhalten.
Praktische Bedeutung für Organisationen
Ein solches Gesundheitsleitystem ist gerade für Organisationen von hoher Bedeutung und könnte im Rahmen seines betrieblichen Gesundheitsmanagements auf Basis der einschlägigen rechtlichen Regelungen, etwa zum Arbeitsrecht und Datenschutz, und somit auch mit ausdrücklicher Zustimmung der jeweils Betroffenen adäquat berücksichtigt werden. Die praktische Umsetzung in Organisationen erfolgt in der Weise, dass die Geräte an durchschnittlichen Arbeitstagen an jene Mitarbeitenden, die teilnehmen möchten, ausgeteilt werden und ein Bild der Körperrhythmen im Spiegel des Herzschlages (ChronoCardiogramm) individuell aufgezeichnet und ausgewertet wird. Die gemessenen 100.000 Herzschläge werden dann verwendet, um das ChronoCardiogramm zu erzeugen – eine Datenmenge zur Gesundheitsmessung, die von keinem chemischen oder laboranalytischen Verfahren auch nur annähernd erreicht wird. Das Verfahren misst die lebendigen Schwingungsvorgänge im Organismus jeder und jedes einzelnen Mitarbeitenden, wie sie unter Alltagsbedingungen auftreten. Dies ist die wohl beste Annäherung an eine Messung der Gesundheit, die man erreichen kann.
Die Messzeit dauert in der Regel von Mittag bis Mittag des nächsten Tages, um Aufschluss über die Entmüdungsleistung der Nacht, von Nachmittag zum Vormittag, zu erhalten. Hierbei spielen Vorgänge der Gehirnreinigung durch das 2012 entdeckte „glymphatische System“ (vgl. Jessen et al. 2015; Xie et al. 2013; Miyakoshi et al. 2023) in den Tiefschlafphasen und nachfolgende Konsolidierung der Gedächtnisorganisation in den REM-Phasen (Rapid-Eye Movement-Traumphasen) wesentliche Rollen. Beide Phasen sind beim gesunden Menschen im ChronoCardiogramm deutlich unterscheidbar (vgl. Zorko et al. 2019) und können ohne zusätzliche Gehirnstrommessungen dargestellt werden.
Die erhobenen Daten werden im Anschluss gemeinsam mit Expertinnen bzw. Experten ausgewertet. In einem dialogischen Prozess werden individuelle Muster des Tagesablaufs analysiert und auf dieser Basis gezielt Maßnahmen entwickelt, um die Regenerationsfähigkeit zu stärken und den gesüntlichen Lebensstil langfristig positiv zu beeinflussen. Die Betroffenen werden dabei nicht nur als Messobjekte verstanden, sondern als aktive Mitgestaltende ihres eigenen Gesundheitsprozesses; die ausdrückliche Zustimmung des einzelnen Mitarbeitenden während des gesamten Ablaufs unter Einhaltung der datenschutzrechtlichen Regelungen stets vorausgesetzt.
Diese individuelle Stärkung der Anpassungsfähigkeit des Herzens wirkt zugleich in die Organisation hinein: Indem Mitarbeitende lernen, ihre eigenen Rhythmen besser zu verstehen und mit ihren Kräften achtsamer umzugehen, wächst ihre Selbstkompetenz – ein Potenzial, das sich positiv auf das organisationale Miteinander und die Resilienz der Organisation auswirken kann. Eine Kultur wachsender Selbstkompetenz fördert somit nicht nur das Wohlbefinden des Einzelnen, sondern auch die Widerstandskraft und Zukunftsfähigkeit des Systems als Ganzes.
Der Manager einer Baufirma litt unter Angstzuständen und schlechtem Schlaf. In den Messungen zeigte sich eine schwache und chaotische Vagusaktivität während der Nacht (◉ Abb. 3.4, Bild oben). Auf Anraten begann er eine sechswöchige Eurythmiebehandlung mit zwei Einheiten pro Woche. Die erneuten Messungen verdeutlichten eine deutliche Verbesserung der Herzratenvariabilität sowie eine geordnetere Erholungsrhythmik des Vagusnervs (Bild unten). Parallel dazu besserten sich seine subjektiven Beschwerden spürbar.
Dieser Einzelfall verweist auf eine allgemeinere Beobachtung: Die Vagusaktivität nimmt im Laufe des Lebens ab, wodurch auch die Erholungsfähigkeit sinkt – ein wesentlicher Faktor des Alterungsprozesses, insbesondere nach dem 40. Lebensjahr. Allerdings ist diese Abnahme kein festgelegtes Schicksal. Menschen, die einen gesunden Lebensstil pflegen und die Prinzipien gesüntlichen Lebens beherzigen, weisen eine deutlich höhere Vagusaktivität auf. Dies wurde in zahlreichen, auch langfristigen Studien bestätigt.
Besonders eindrücklich zeigte sich dies in einem Projekt der Österreichischen Allgemeinen Unfallversicherung (AUVA). Dort konnte bei Bauarbeitern, deren Vagusaktivität aufgrund von Arbeitsstress verringert war, durch psychologische Beratung und Eurythmie die nächtliche Vagusaktivität deutlich stabilisiert werden. Die Folgen waren sowohl individuell als auch organisatorisch spürbar: Die Bauarbeiter berichteten über ein gesteigertes Sicherheitsgefühl bei der Arbeit und höhere körperliche Belastbarkeit, während gleichzeitig die Unfallszahlen sanken. In einem wissenschaftlich begleiteten Bauprojekt führte dies sogar dazu, dass der Bau – entgegen aller Erwartungen – einen Monat früher fertiggestellt wurde. Bei einer anschließenden Wiederholung des Projektes in 85 Baufirmen, diesmal ohne wissenschaftliche Begleitung, konnten die Unfälle insgesamt um etwa 30 % und die Krankenstandstage um 49 % reduziert werden (vgl. Moser 2025, S. 61–67).
Damit wird deutlich: Mit dem Gesundheitsleitsystem kann es Organisationen gelingen, die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden gezielt zu fördern. Damit wird betriebliche Gesundheitsförderung von einer abstrakten Zielsetzung zu einem konkret überprüfbaren Prozess – die ausdrückliche Zustimmung der Mitarbeitenden und Einhaltung datenschutzrechtlicher Bestimmungen stets vorausgesetzt. Für Verantwortliche im Management eröffnet sich dadurch ein wirkungsvolles Instrument, um Belastungen frühzeitig zu erkennen, die Regenerationsfähigkeit der Mitarbeitenden zu stärken und damit langfristig auch die Leistungsfähigkeit und Stabilität der Organisation zu sichern. Angesichts steigender Anforderungen an Resilienz und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen ist es heute wichtiger denn je, Gesundheit als zentrale Ressource strategisch in den Blick zu nehmen und aktiv zu gestalten.
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